Handelsgastronomie boomt: Welche Chancen sich daraus für Gastronomen ergeben
Chancen für die Gastronomie
Handelsgastronomie wächst – und zeigt, wo neue gastronomische Nachfrage entsteht
Die Handelsgastronomie in Deutschland wächst. Für klassische Gastronomen ist das auf den ersten Blick vor allem mehr Konkurrenz durch Supermärkte, Möbelhäuser, Tankstellen und andere Handelsunternehmen.
Man kann die Entwicklung aber auch anders betrachten: als Hinweis darauf, wo neue gastronomische Nachfrage entsteht. Denn wenn Menschen immer häufiger dort essen, wo es schnell, unkompliziert und bezahlbar ist, muss dieser Markt nicht ausschließlich dem Handel gehören.
13,3 Milliarden Euro Umsatz mit Handelsgastronomie
Nach Angaben des EHI Retail Institute erzielte die Handelsgastronomie in Deutschland 2025 rund 13,3 Milliarden Euro Umsatz. Das entspricht einem Plus von 7,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr und fast 33 Prozent gegenüber 2019.
Auch für 2026 wird weiteres Wachstum erwartet. Die vom EHI befragten Verantwortlichen rechnen durchschnittlich mit einem Umsatzplus von 4,3 Prozent.
Besonders interessant ist, wo die Branche Wachstumspotenzial sieht. 63 Prozent der Befragten nennen To-go und Snacks als Wachstumstreiber. Convenience und Ready-to-Eat stehen bereits für 17,5 Prozent des Umsatzes. Auch Take-away und Mittagessen werden von 51,9 Prozent als Wachstumstreiber genannt.
Für Gastronomen steckt darin eine wichtige Botschaft: Der Außer-Haus-Markt verändert sich.
Nicht jeder Gast sucht einen Restaurantbesuch
Menschen wollen mittags vernünftig essen. Aber nicht jeder möchte dafür 60 Minuten in einem Restaurant verbringen.
Gerade während der Arbeit zählen andere Faktoren: kurze Wege, schnelle Ausgabe, verlässliche Qualität und ein Preis, der zum regelmäßigen Konsum passt.
Natürlich spielt der Preis eine Rolle. Laut YouGov kostete ein Pastagericht im ersten Halbjahr 2026 in der Handelsgastronomie durchschnittlich 5,87 Euro. Im übrigen Außer-Haus-Markt waren es 10,60 Euro.
Die Entwicklung allein auf „billiger“ zu reduzieren, greift jedoch zu kurz. Es geht ebenso um Verfügbarkeit und Alltagstauglichkeit.
Wo gibt es Hunger, aber kaum Gastronomie?
Genau hier sollten Gastronomen genauer hinschauen.
Statt bei Wachstum sofort an ein zweites klassisches Restaurant zu denken, lohnt sich eine andere Frage:
Wo gibt es in meiner Region jeden Tag Nachfrage nach Essen, aber noch kein passendes Angebot?
Das können Gewerbegebiete mit vielen Beschäftigten und wenigen gastronomischen Angeboten sein. Unternehmen ohne eigene Kantine sind ebenfalls interessant. Gleiches gilt für Pendlerstandorte oder Gebiete, in denen bestehende Gastronomie für eine schnelle Mittagspause schlicht zu weit entfernt ist.
Solche Versorgungslücken können die Grundlage für neue Gastro-Geschäftsmodelle bilden.
Produktionsküche statt zweitem Restaurant?
Ein neues gastronomisches Angebot benötigt nicht zwangsläufig 80 Sitzplätze, einen großen Gastraum und entsprechend viel Servicepersonal.
Je nach Standort und Zielgruppe kann beispielsweise eine kompakte Produktionsküche mit Abholstation funktionieren.
Eine weitere Möglichkeit ist ein zentral produzierter Mittagstisch, der mehrere Unternehmen in einem Gewerbegebiet beliefert. Auch Kooperationen mit größeren Arbeitgebern oder ein konsequent auf Take-away ausgerichteter Standort können interessant sein.
Der Vorteil: Das Konzept wird nicht um einen klassischen Restaurantbetrieb herum gebaut, sondern um den tatsächlichen Bedarf.
Entsprechend geplant werden können:
- Produktion und Ausgabe
- Küchentechnik
- Personal
- Sortiment
Küchentechnik muss zum Geschäftsmodell passen
Gerade bei schlanken Gastro-Konzepten ist Effizienz entscheidend.
Wer beispielsweise innerhalb eines kurzen Mittagsfensters viele Portionen produzieren und ausgeben möchte, braucht andere Abläufe als ein Restaurant mit Abendgeschäft und langer Verweildauer.
Welche Geräte benötigt werden, hängt deshalb nicht nur von der Speisekarte ab.
Bei der Küchenplanung sollten unter anderem zusammen betrachtet werden:
- Produktionsmenge und Spitzenzeiten
- Vorbereitung und Warmhaltung
- Kühlung und Lagerung
- Spültechnik
- Abluft
- Verfügbare Fläche
Eine professionelle Küche sollte das Geschäftsmodell unterstützen – und nicht unnötig Fläche, Energie oder Arbeitszeit verbrauchen.
Erst die Nachfrage finden, dann das Konzept entwickeln
Der Boom der Handelsgastronomie zeigt vor allem eines: Gastronomischer Konsum verlagert sich zunehmend in den Alltag.
Für Gastronomen kann darin eine echte Chance liegen. Dafür muss nicht zwangsläufig das bestehende Restaurant größer werden oder ein zweiter klassischer Standort entstehen.
Vielleicht liegt das interessantere Potenzial fünf Kilometer entfernt in einem Gewerbegebiet. Vielleicht brauchen dort 500 Beschäftigte jeden Mittag eine vernünftige Mahlzeit. Vielleicht lässt sich diese Nachfrage mit einer kleinen Produktionsküche, einem fokussierten Sortiment und einer intelligenten Ausgabe wesentlich effizienter bedienen.
Deshalb lohnt sich ein Perspektivwechsel:
Nicht zuerst fragen: Wo kann ich noch ein Restaurant eröffnen?
Sondern: Wo gibt es Nachfrage nach gutem Essen, aber noch kein passendes gastronomisches Angebot?
Wer diese Orte erkennt und dafür ein schlankes, professionell geplantes Konzept entwickelt, kann an derselben Entwicklung teilhaben, von der die Handelsgastronomie bereits profitiert.
Der Markt ist da. Gastronomie muss nur nicht zwingend dort stattfinden, wo sie bisher stattgefunden hat.
Quellen und weiterführende Informationen
Tagesschau, 09.09.2026: „Imbisse in Geschäften gefragt wie nie“
EHI Retail Institute, 09.09.2026: „Neue Rekordzahlen – EHI-Studie mit aktuellen Zahlen zur Branche“
EHI Retail Institute: „Handelsgastronomie in Deutschland 2026“